Dr. Victor Aronstein

Dr. Victor Aronstein war von 1933 bis 1938 praktischer Arzt in Berlin – Hohenschönhausen.

Geboren am 01. November 1896 in Margonin
Gestorben im Januar 1945 in Ausschwitz

Geboren wurde Victor Aronstein in Margonin, einem kleinen StĂ€dtchen, das heute in der polnischen Woiwodschaft Pila liegt. Er war das jĂŒngste von drei Kindern. Seine beiden Ă€lteren Schwestern, Bertha (geb. am 29. November 1885) und Hertha (geb. am 10. September 1888), erblickten dort ebenfalls das Licht der Welt.

Die Eltern, Jakob und Henriette Aronstein (geb. Cohn), besaßen hier eine Brauerei. In diesem Ort, Margonin, der durch die Geschichte geprĂ€gt war von polnischen, jĂŒdischen und deutschen Elementen, verbrachte Victor Aronstein die ersten Jahre seines Lebens.

Bedingt durch die tiefgreifenden ökonomischen VerĂ€nderungen im Deutschen Reich um die Jahrhundertwende zum 20 Jahrhundert, zog es viele Einwohner in die neu entstandenen industriellen Zentren. Vor allem der Niedergang der Textilindustrie, von der man in Margonin lebte, zwang auch die Familie Aronstein zum Umdenken. Der Vater verkaufte die Brauerei und die Familie siedelte nach Berlin ĂŒber.

Sie lebte seit 1904 in der Breslauer Straße. Nach mehreren Wohnungswechseln fand man schließlich in der Marsiliusstr. 16 (im heutigen Friedrichshain) ein dauerhaftes Zuhause. Von 1918 bis 1927 war Jacob Aronstein als Wohnungsinhaber verzeichnet. Nach dem Tod des Vaters, er starb am 21. November 1927, behielt Victor Aronstein die Wohnung und wurde fortan im Adressbuch gefĂŒhrt.

Ob Victor Aronstein hier in Berlin die Volksschule besuchte ist nicht bekannt, bekannt ist der Besuch des Köllnischen Gymnasiums. Doch noch vor seiner ReifeprĂŒfung verlĂ€sst er es im Oktober 1915, gerade 19jĂ€hrig, und meldet sich zum Kriegsdienst. Im Jahr1917 erhielt er das Eiserne Kreuz II, er wurde verwundet und bekam ein Jahr darauf das Verwundetenabzeichen. Diese Verwundung hatte fĂŒr ihn ein gutes, er wurde nach Berlin-Tempelhof in das Reservelazarett II abkommandiert, wo er noch ĂŒber das Kriegsende hinaus Dienst tat. Seine Dienstzeit hier war so geregelt, dass es ihm möglich war am Sophien-Gymnasium in der Weinmeisterstraße die KriegsreifeprĂŒfung abzulegen.

Noch als Soldat lĂ€sst er sich an der Berliner UniversitĂ€t, an der CharitĂ©, zum Medizinstudium immatrikulieren. Dem Medizinstudium widmet er sich nach seiner Entlassung aus dem Heeresdienst ganz intensiv. 1922 hĂ€lt er sich einige Monate in Heidelberg auf, wo eine Vorlesungen besucht. Im Oktober d.J. kehrt er wieder nach Berlin zurĂŒck. Zur Ausbildung gehört auch ein Praktikum, das er 1925/26 am neu entstandenen jĂŒdischen Krankenhaus in Berlin-Wedding absolvierte. Am 17. August 1926 erhielt er seine Approbation als Arzt.

Seine erste Anstellung war an der UniversitĂ€tsklinik in der Schumannstraße, gleichzeitig Arbeit er an seiner Dissertation „Über die sogenannte Myositis ossificans progressiva“ (eine angeborene fortschreitende Erkrankung der Skelettmuskulatur. Diese wurde am 28. 04 1927 von ihm erfolgreich verteidigt.

Ab 1928 arbeitete er im Park – Sanatorium Birkenwerder bei Berlin, zunĂ€chst als Assistenzarzt, ab 1930 als Oberarzt und war fĂŒr 300 Patienten verantwortlich.

1931 verlĂ€sst Dr. Aronstein das Krankenhaus, um sich in Berlin als praktischer Arzt niederzulassen. Seine erste Praxis eröffnet Dr. Aronstein in der Marsiliusstraße 16, allerdings ohne Krankenkassenzulassung. Diese erhielt er erst Anfang 1933 fĂŒr Hohenschönhausen, was natĂŒrlich einen Umzug dorthin bedeutete. Die erste Praxis in Hohenschönhausen befand sich in der Bahnhofstraße 1. 1935 zog er um, in die Berliner Straße 126.

Patienten, Einwohner und andere Zeitzeugen beschreiben ihn als einen außergewöhnlichen Arzt und Menschen, der Tag und Nacht fĂŒr seine Patienten da war. Dr. Aronstein hatte sehr bald die grĂ¶ĂŸte Praxis in Hohenschönhausen.

Die MachtĂŒbernahme der Nazis und die damit verbundenen immer mehr zunehmenden Restriktionen gegen jĂŒdische Ärzte bekam auch Dr. Aronstein zu spĂŒren. Seine Wohnung nebst Praxis wurde ihm zum 31.12.1936 gekĂŒndigt. Mit sehr viel MĂŒhe und der UnterstĂŒtzung von ehemaligen Patienten kann er Anfang 1937 in der Werneuchener Straße 3 eine neue Wohnung finden, in der er auch eine Praxis eröffnet.

Mir der „Vierten Verordnung zum ReichsbĂŒrgergesetz“ vom 25. Juli 1938 wurde allen jĂŒdischen Ärzten die Approbation entzogen. So musste er die Praxis wieder aufgeben und durfte nur noch „Krankenbehandler“ sein. Anfangs gehegte Hoffnungen, seine Teilnahme am 1. Weltkrieg wĂŒrde ihn vor derartigen Maßnahmen schĂŒtzen, hatten sich sehr schnell zerschlagen.

1939 verlÀsst er Hohenschönhausen, wohnt kurze Zeit in Kreuzberg bei seinem Schwager, Mayer Hermann Fröhlich, dem Ehemann seiner Schwester Bertha. Im Berliner Adressbuch von 1941 findet man ihn, erstmals seit 1938, unter der Anschrift Gervinustr. 4 in Charlottenburg.

PlĂ€ne zur Emigration in die USA oder nach Chile, wohin seine beiden Schwestern ausgereist waren, konnte er nicht mehr verwirklichen. Dr. Aronstein war in finanzielle Not geraten. Ein Einkommen als Arzt hatte er nicht mehr. Seine Ersparnisse waren durch die „Judenbuße“ und die „Reichsfluchtsteuer“ fast aufgebraucht. Zudem hatte er mit einem Darlehen an die Familien seiner Schwestern fĂŒr deren Ausreise aus Deutschland gesorgt.

Obwohl ihm bekannt war, dass er in ein Ghetto deportiert werden sollte, lehnt er eine Flucht ins Ausland ab. Seine Deportation erfolgte an schließlich am 1. November 1941, es war sein 45. Geburtstag. Begleitet wurde er von seiner langjĂ€hrige Sprechstundenhilfe, Lotte Korn. Die beiden hatten sich kurz vor der Deportation verlobt und vermutlich im MĂ€rz 1942 geheiratet. Beide wurden von der Gestapo nach Berlin-Grunewald geschafft und von dort in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz) transportiert.

Im Ghetto arbeitete Dr. Aronstein im dortigen Krankenhaus. Über einen Angehörigen der Wachmannschaft, den er aus Hohenschönhausen kannte, konnte er Kontakt mit Freunden und Bekannten in Berlin halten. Ein letzter Brief, als Feldpostbrief getarnt, stammt wahrscheinlich vom August 1943.

UngefÀhr August/September 1944, nach der Auflösung des Ghettos Litzmannstadt, brachte man Dr. Aronstein in das KZ Ausschwitz. Nach den Aussagen eines namentlich nicht bekannten Arztes aus Köln, der gemeinsam mit ihm im nach Ausschwitz kam, litt Dr. Aronstein an einer Lungen-Tbc. Die Befreiung des Lagers am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee erlebte er nicht mehr. UngefÀhr zwei Wochen vorher starb er in der Gaskammer.

Über das Schicksal seiner Frau ist nichts bekannt, ein Grab fĂŒr die beiden Eheleute existiert nicht.

Bild: Archiv Museum Lichtenberg

Quelle: Victor Aronstein : Gedenkschrift zu seinem 100. Geburtstag am 1. November 1996

Ehrungen:
Im Dezember 1995 wurde Dr. Victor Aronstein in Yad Vashem, in der GedenkstĂ€tte fĂŒr die vom NS – Regime ermordeten Juden, in Jerusalem zur Registrierung angemeldet.

In der Werneuchener Str. 3, seiner letzten WirkungsstÀtte als Arzt in Hohenschönhausen, hing von 1987 bis 1995 eine Gedenktafel, die 1969 durch eine neue ersetzt wurde. Die alte Gedenktafel in heute im Besitz des Museums Lichtenberg.

Das Seniorenheim in der Liebenwalder Straße 24 trĂ€gt den Namen Dr. Victor Aronstein. Der Jugendclub in der Schöneicher Straße trug bis zu seiner Schließung 1989/90 ebenfalls seinen Namen.

Von Januar bis April 1996 gab es im Heimatmuseum Hohenschönhausen die Ausstellung „Juden in Weißensee und Hohenschönhausen“. Hier wurde auch an Dr. Victor Aronstein erinnert. Zahlreiche Dokumente und Exponaten zu Victor Aronstein sind heute im Heimatmuseum Lichtenberg.

Literatur zu Victor Aronstein

Victor Aronstein : Gedenkschrift zu seinem 100. Geburtstag am 1. November 1996 / [Thomas Friedrich ; Daniela Fuchs ; Christa HĂŒbner unter Mitarb. von Regina Rahmlow. Hrsg. vom Verein "Biographische Forschungen und Sozialgeschichte e.V."]. - 1. Aufl. - Berlin : Biographische Forschungen und Sozialgeschichte e.V., 1996. - 96 S. : Ill.

Friedrich, Thomas; Wolf, Kerstin; Wolf, Frank

Victor Aronstein : Gedenkschrift zu seinem 100. Geburtstag am 1. November 1996 ; Nachtrag / Autoren: Thomas Friedrich ; Kerstin und Frank Wolf. - Berlin, 1997. - 23S. : Biograph. Forschungen und Sozialgeschichte