Bernhard Lichtenberg

Katholischer Pfarrer, war von 1905–1910 Seelsorger in Friedrichsfelde-Karlshorst, Gegner des NS-Regimes, wurde seelig gesprochen.

Geboren am 3. Dezember 1875 in Ohlau
Gestorben am 5. November 1943 in Hof

Geboren wurde Bernhard Lichtenberg am 3. Dezember 1875 im schlesischen Ohlau, heute Olawa (Polen). Er entstammt einem katholischen Elternhaus und wurde am 27. Dezember auf den Namen Bernhard Richard Leopold getauft. Die Eltern August und Emilie Lichtenberg waren 1871, dem Jahr ihrer Eheschließung, nach Ohlau gezogen. Dort betrieben sie ein Kolonialwaren- und Delikatessengeschäft sowie eine Weinstube. Bernhard war das dritte von insgesamt fünf Kindern.

Bis 1885 besuchte er die Ohlauer Volksschule und wechselte dann auf das Königliche Gymnasium. Im März 1895 legte er hier die Reifeprüfung ab. Welchen Beruf er einmal ausüben würde, stand für Bernhard Lichtenberg schon als Jugendlicher fest. Er fühlte sich dazu berufen, Priester zu werden. Im Jahr 1895 begann er ein Theologiestudium. Zunächst ging er für ein Semester nach Innsbruck. Dann setzte er sein Studium am Priesterseminar von Breslau fort, nur 25 km von seinem Heimatort entfernt. Er war froh, nicht mehr so weit von zu Hause entfernt zu sein.

Bernhard Lichtenberg reiste schon als Student sehr viel. Mit zwei Kommilitonen erkundete er von Innsbruck aus Südtirol und reiste nach Venedig. In seiner Breslauer Zeit führten ihn Reisen nach Helgoland, in die Schweiz, nach Österreich, München und Altötting. In den späteren Jahren besuchte er Rom, Neapel, Damaskus, Konstantinopel, Kairo und Belfast. Auch als Pfarrer ging er regelmäßig auf Predigt- und Pilgerreisen, u.a. erkundete er die heiligen Stätten in Israel. Eucharistische Kongresse führten ihn auch nach London, Wien und Chicago.

Nach dem Abschluss seiner Studien an der Theologischen Fakultät und dem Priesterseminar in Breslau wurde Bernhard Lichtenberg am 21. Juni 1899 gemeinsam mit 88 weiteren Priesteramtskandidaten im Breslauer Dom von Fürstbischof Georg Kardinal Kopp zum Priester geweiht. Seine erste Stelle führte ihn nach Neisse. Ab dem 28. Juli 1899 war er dritter Kaplan an der dortigen St.-Jakobus-Kirche. Hier blieb er für ein gutes Jahr.

Am 13. August 1900 ernannte ihn Kardinal Kopp zum Kaplan von St.-Mauritius in Friedrichsberg-Lichtenberg. Das war zu jener Zeit eine aufstreben Landgemeinde am Rande der Hauptstadt Berlin, deren Einwohnerzahl in den nächsten Jahren geradezu explodierte. 10% der Bevölkerung waren Katholiken und die Gemeinde, in der Lichtenberg gemeinsam mit Pfarrer Nikolaus Kuborn wirkte, war 1895 zur Pfarrei erhoben worden. Die Berliner Pfarreien wurden sowohl von Priestern des Bistums Breslau als auch von Münsteranern Geistlichen versorgt. In seiner seelsorgerischen Arbeit in der neuen Gemeinde erlebte Kaplan Lichtenberg die Probleme der zunehmenden Industriealisierung und die sich daraus ergebenden Probleme, wie Armut und Verelendung, hautnah mit. Zum besseren Verständnis der Hintergründe dieser Entwicklung begann Bernhard Lichtenberg ein Studium der Nationalökonomie. Zwischen Oktober 1901 und Juli 1902 war er Gasthörer der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin in diesem Fach.

Im Ergebnis seiner Zeit als Kaplan in Friedrichsberg entstand eine Broschüre mit dem Titel „Religion ist Privatsache – ein Druckfehler im sozialdemokratischen Programm“. Gedruckt wurde sie 1902 in Breslau unter dem Pseudonym „Dunkelthal“.

Von November 1902 bis Oktober 1903 war Bernhard Lichtenberg 2. Kaplan der Pfarrei Herz Jesu in Charlottenburg. (In diese Gemeinde kehrte er im März 1913  als Pfarrer zurück.) Am 17. Oktober 1903 wurde er zum Kaplan von St.-Michael im Berliner Stadtzentrum ernannt.

Ab dem 30. September 1905 wirkte Bernhard Lichtenberg dann als Kuratus von Friedrichsfelde-Karlshorst. Das bedeutete, dass er auch für die Ortschaften Biesdorf, Wuhlgarten, Kaulsdorf und Marzahn zuständig war. Der Beginn seiner Arbeit gestaltete sich sehr schwierig. Zwar hatte die katholische Gemeinde sowohl in Friedrichsfelde als auch in Karlshorst bereits Grundstücke zur Errichtung von Gotteshäusern erworben, aber mit deren Bau war noch nicht begonnen worden. Der erste Gottesdienst mit seiner neuen Gemeinde fand am 22. Oktober d.J. in der behelfsmäßig genutzten Aula der Knabenschule an der Rummelsburger Chaussee statt. Erst ab Dezember 1906 stand die Kirche „Zum Guten Hirten“ in Friedrichsfelde zur Verfügung, die Kuratus Lichtenberg selbst als Notkirche bezeichnete. In Karlshorst entstand später die Kapelle „Zur Unbefleckten Empfängnis“. Damit standen den Katholiken seiner Gemeinde zwei eigene Orte zur Verfügung, an denen sie den Gottesdienst feiern konnten. Im Jahr 1907 knüpfte Bernhard Lichtenberg wieder an eine uralte Tradition an und veranstaltete eine Fronleichnamsprozession außerhalb des Kirchengrundstücks. Kuratus von Friedrichsfelde-Karlshorst war er bis zum Jahr 1910. Dann wurde er zum Kuratus in Berlin-Pankow ernannt.

Am 3. März 1913 erfolgte seine Investitur als Pfarrer an der Herz-Jesu-Kirche in Charlottenburg. Dieses Amt hatte er bis 1931 inne. Während des 1. Weltkrieges war er auch mit der katholischen Militärseelsorge für den Standort Charlottenburg beauftragt.

Neben der Arbeit für seine Gemeinde betätigte sich Pfarrer Lichtenberg auch politisch. Er war Mitglied der 1870 gegründeten Deutschen Zentrumspartei, die sich den Ausbau des Sozialstaates und die Stabilisierung der Republik auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Mit diesen Zielen ging er konform. Von 1919 bis 1931 war er Stadt- und Bezirksverordneter im Charlottenburger Stadtparlament, 1920, 1921 und 1925 auch Abgeordneter der Stadtverordnetenversammlung Berlin. Die Einführung der Arbeitslosenversicherung war ihm hier ein besonderes Anliegen, hatte er es doch in seiner täglichen Arbeit häufig mit der sozialen Not der Arbeiter zu tun. Für die Bildungs-, Familien- und Kulturpolitik setzte er sich als Kommunalpolitiker besonders ein. Ein geregelter Religionsunterricht und preisgünstiger Wohnraum für Familien waren ihm als zwei Schwerpunkte seiner Arbeit besonders wichtig.

Zu den Stadtverordneten im Charlottenburger Stadtparlament gehörte ab 1928 auch der spätere Reichspropagandaminister Josef Goebbels. Leider gibt es heute keine Sitzungsprotokolle des Stadtparlaments aus diesem Zeitraum mehr, so dass nicht belegt werden kann, ob es wirklich zu den als legendär bezeichneten Auseinandersetzungen zwischen Lichtenberg und Goebbels gekommen ist. In den Jahren nach der Machtergreifung der Nazis machte sich Josef Goebbels ein Vergnügen daraus, Lichtenberg mit Hausdurchsuchungen und Verhören durch die Gestapo zu drangsalieren. Doch er ließ sich nicht einschüchtern. Generell kann man sagen: Bernhard Lichtenberg stand immer dann auf, wenn es galt, für ihn wichtige christliche Werte zu verteidigen.

Ab 1929 war er auch Vorstandsmitglied des Friedensbundes deutscher Katholiken, denn ganz konsequent trat er gegen Militarismus und die Vorbereitung eines Krieges ein.

Am 1. Januar 1931 wurde er zum Domkapitular der St.-Hedwigs-Kathedrale ernannt, im Juni 1932 zum Administrator der Pfarrei St-Hedwig. Dies war auch der Beginn der täglichen Abendandachten in der Berliner Kathedrale. Ab dem 27. Dezember 1932 wirkte Bernhard Lichtenberg dann als Dompfarrer der Dompfarrei St.-Hedwig.

Mit seiner Berufung zum Domkapitular legte Bernhard Lichtenberg alle seine politischen Ämter nieder, was ihn allerdings nicht davon abhielt, ein politisch engagierter Priester zu bleiben. Als er durch den ehemaligen SPD Abgeordneten Jürgen Jürgensen von den schlimmen Zuständen im Konzentrationslager Esterwegen erfuhr, wandte er sich am 18. Juli 1935 an das Büro des Preußischen Staatsministers Hermann Göring. In einem Schreiben listete er detailliert alle Unmenschlichkeiten und Misshandlungen auf, von denen er erfahren hatte. Der Inspekteur der Konzentrationslager stellte daraufhin einen Antrag auf Strafanzeige gegen Lichtenberg wegen Landesverrats und Verstoßes gegen das Heimtückegesetz.

Dies blieb nicht das einzige Mal, dass Bernhard Lichtenberg seinen Protest kund tat. So wandte er sich am 10. Dezember 1935 in einem Schreiben an Adolf Hitler, um gegen die Verbreitung des Pfaffenspiegels zu protestieren. Und am 18. Juni 1937 wandte er sich gegen das Verbot, in kirchlichen Amtsblättern über die Sterilisationsabsichten der Nazis kritisch zu berichten.

Am 18. Januar 1938 ernannte Papst Pius XI. Bernhard Lichtenberg durch zum Dompropst. Im April des gleichen Jahres wurde er Vorsitzender des Diözesankomitees des Bonifatius-Vereins.

Vom 9. bis 11. November 1938 kam es in ganz Deutschland zu Judenpogromen, die als Reichskristallnacht in die Geschichte eingingen. In seinen Abendandachten in der St.-Hedwigs-Kathedrale wandte Bernhard Lichtenberg sich dagegen und betete für die schwer bedrängten „nichtarischen“ Christen und Juden.

Gerade die Gruppe der „nichtarischen“ Katholiken hatte es schwer, besonders dann, wenn sie auf Grund ihrer jüdischen Herkunft ihre Berufe verloren und immer mehr ins Elend stürzten. Für sie gründete Bischof Preysing im August 1938 das Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin. Zum Verantwortlichen und Referenten für die „Angelegenheit der Nichtarier“ wurde der Dompropst Bernhard Lichtenberg ernannt. Der Arbeitsaufwand, der auf ihn und seine Mitarbeiter zukam, war beträchtlich. Unzählige Menschen wandten sich an sein Büro und suchten Unterstützung, wenn es um Fragen der Auswanderung ging. Ein Teil der finanzielle Mittel mussten durch Spendensammlungen aufgebracht werden. Ganz selbstverständlich bezogen sich diese Hilfen nicht nur auf getaufte Juden, sondern auch auf Menschen jüdischen Glaubens. Für Bernhard Lichtenberg war jeder Mensch ein Bruder Christi und ein Geschöpf Gottes. Gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Frau Dr. Sommer suchte er Unterkünfte für gefährdete jüdische Familien oder Einzelpersonen. Ebenso organisierte er auch notwendige medizinische Hilfe in kirchlichen Krankenhäusern und Rettungsstellen.

Wenn die Deportation einzelner Familienmitglieder nicht mehr zu verhindern war, bemĂĽhten sie sich darum, wenigstens die Kinder zu retten. So sorgte das Hilfswerk dafĂĽr, dass 31 Kinder nach England und vier in die Niederlande in Sicherheit gebracht werden konnten.

In den Jahren 1938 und 1939 kam es mehrfach zu Durchsuchungen und Beschlagnahmen im Dompfarramt durch die Gestapo. Bereits im September 1938 wurde die Bistumszeitung verboten.

Am 29. April 1939 wurde Lichtenberg zum Apostolischen Protonotar ernannt, (ein päpstlicher Ehrentitel).

Im Jahr 1941 wandte sich Bernhard Lichtenberg wegen der zahlreichen Beschlagnahmungen von kirchlichen Gebäuden in Berlin in einem Protestschreiben an den SS-Reichsführer und Polizeichef Heinrich Himmler. Im gleichen Jahr protestierte er auch beim Reichsärzteführer Conti gegen die Euthanasie-Morde.

Am 4. September 1941 erfolgte eine anonyme Anzeige gegen Bernhard Lichtenberg wegen bolschewistischer Propaganda in Bezug auf die Abendandachten in der St.-Hedwigs-Kathedrale. Am 23. Oktober wurde er daraufhin verhaftet und in Plötzensee eingesperrt.

Zwei Tage später informierte der Berliner Bischof Graf Preysing Papst Pius XII. über die Verhaftung Lichtenbergs. Mehrere Anträge des Bischofs und des päpstlichen Nuntius auf Haftverschonung Lichtenbergs wurden abgewiesen. Am 3. November 1941 wurde Bernhard Lichtenberg in das Gefängnis Moabit verlegt. Gesundheitlich ging es ihm nicht gut. Im Februar 1942 bekommt er eine schwere Herzattacke.

Sein Fall wurde beim Sondergericht I beim Landesgericht Berlin verhandelt. Am 22. Mai 1942 wurde er wegen Kanzelmissbrauchs und Verstoßes gegen das Heimtückegesetz zu zwei Jahren Haft verurteilt. Zur Verbüßung der Strafe wurde er am 29. Mai 1942 in das Strafgefängnis Tegel eingeliefert.

Nach dem Ende der Strafzeit kam Bernhard Lichtenberg aber nicht in Freiheit. Mit seiner Entlassung am 23. Oktober 1943 kam gleichzeitig die Einweisung in das Arbeitserziehungslager Wuhlheide. Fünf Tage später kam die Verfügung des Reichssicherheitshauptamtes, ihn in das Konzentrationslager Dachau einzuweisen. Der Transport, in dem sich auch Bernhard Lichtenberg befand, machte am 3. November 1943 einen Zwischenaufenthalt in Hof. Der schwer erkrankte Bernhard Lichtenberg wurde einen Tag später in das Hofer Stadtkrankenhaus eingewiesen, wo er am 5. November 1943 gegen 18.00 Uhr verstarb. Der Hofer Stadtpfarrer Michael Gehring hatte ihn zuvor mit den Sterbesakramenten versehen. Dieser Pfarrer sorgte auch dafür, dass Bernhard Lichtenberg vom 6. bis 11. November öffentlich aufgebahrt wurde. Er verhinderte ebenfalls seine Einäscherung durch die Nazis.

Der Leichnam Bernhard Lichtenbergs wurde nach Berlin rĂĽckĂĽberfĂĽhrt und am 16. November 1943 auf dem St.-Hedwig-Friedhof Berlin in der LiesenstraĂźe beigesetzt.

Im Jahr 1962 verweigerten die DDR-Behörden, die Gebeine Bernhard Lichtenbergs in die „Gedächtniskirche der deutschen Katholiken Maria Regina Martyrium zu Ehren der Blutzeugen für Glaubens- und Gewissensfreiheit in den Jahren 1933 bis 1945“ in Berlin-Charlottenburg zu überführen. Seine sterblichen Überreste wurden am 26. August 1965 in der Krypta der St.-Hedwigs-Kathedrale in Berlin beigesetzt.

Wenige Monate zuvor, am 18. April 1965, wurde das Vorverfahren zur Seligsprechung von Bernhard Lichtenberg eröffnet. Seine Seligsprechung erfolgte am 23. Juni 1996 durch Papst Johannes Paul II. auf seiner Deutschlandreise in Berlin.

Am 18. Mai 2005 ehrte die israelische Gedenkstätte Yad Vashem Bernhard Lichtenberg wegen seines Einsatzes für verfolgte Juden postum mit der Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“.

 

Foto: Diözesanarchiv Berlin (DAB BN 1046,00.)

Quellen:
Barbara und Ludger Stühlmeyer, Bernhard Lichtenberg – Ich werde meinem Gewissen folgen, Topos taschenbücher, Band 835
Verlagsgemeinschaft topos plus, Kevelaer, 2013

Dieter Hanky, Bernhard Lichtenberg: Priester – Bekenner – Märtyrer, Berlin, Morus-Verlag, 1994

Martin Persch: Lichtenberg, Bernhard. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 5, Bautz, Herzberg, 1993, Sp. 20-23

Bonifatius–Vereins Blatt Nr. 10 vom 1. Oktober 1905

Bonifatius–Vereins Blatt Nr. 4 vom 1. April 1906

Bonifatius–Vereins Blatt Nr.8 vom 1. August 1907

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(Stand: 06.01.2016)