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Ilse Frieda Gertrud Stöbe

Journalistin, WiderstandskÀmpferin

Geboren: 17. Mai 1911 in Berlin, Gestorben: 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee

Das Licht der Welt erblickte Ilse Stöbe am 17. Mai 1911 in der Mainzer Straße 1. Ihr Vater, Max Stöbe, arbeitete als Tischler, die Mutter, Frieda Amalie Maria Stöbe, geb. Schumann, war bereits das zweite Mal verheiratet. Ein achtjĂ€hriger Sohn aus erster Ehe, Kurt MĂŒller, gehörte ebenfalls zur Familie. Ein Jahr spĂ€ter zogen sie um, in ein Gartenhaus in der nahe gelegenen Jungstraße 14, die damals noch zur selbststĂ€ndigen Gemeinde Lichtenberg gehörte. Hier wuchs Ilse Stöbe auf, unter dieser Adresse ist sie ab 1928 im Berliner Adressbuch zu finden. 1932 zogen sie ein weiteres Mal um, diesmal in die Frankfurter Allee 202. Dies war bis 1939 auch Ilse Stöbes Adresse.

Eingeschult wurde sie in die Knaben- und MĂ€dchenschule in der Scharnweberstraße, nach drei Jahren wechselte sie an das StĂ€dtische Cecilien-Lyzeum Berlin Lichtenberg, gegenĂŒber dem Rathaus.

Im Jahr 1927 verließ der Vater die Familie. Dies war wahrscheinlich auch der Grund, warum Ilse ab diesem Jahr das Lyzeum nicht weiter besuchte. Die Mutter war vermutlich nicht weiter in der Lage, das Schulgeld aufzubringen. Ihre Ausbildung setzte sie an einer höheren Handelsschule fort. Englisch, Französisch, Handelskunde, Stenographie und Maschineschreiben standen dort auf dem Lehrplan.

Ihre erste Anstellung fand Ilse Stöbe im Verlagshaus Rudolf Mosse im April 1929. ZunĂ€chst in der Anzeigenabteilung, spĂ€ter wurde sie SekretĂ€rin beim Chefredakteur des Berliner Tageblatts, Theodor Wolff, und dem Chef vom Dienst, Oskar Stark. In der Redaktion des Berliner Tageblatts begegnete sie dem Journalisten Rudolf Herrnstadt, der vor allem durch seine außenpolitischen Artikel und Reportagen Aufmerksamkeit erregt hatte. Dieser war Kommunist und arbeitete gleichzeitig fĂŒr den GRU, den Nachrichtendienst der sowjetischen StreitkrĂ€fte (Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije). Ilse Stöbe und Rudolf Herrnstadt befreunden sich. Sein umfangreiches Wissen und seine Argumente eröffnete ihr eine ganz neue Sichtweise auf die Dinge des Lebens. Beide waren jung, Ilse war 20, Rudolf 28 Jahre alt, und sie verliebten sich ineinander.

Ilse Stöbe schloss sich seiner Überzeugung an, dass dem Sozialismus die Zukunft gehöre, und sie war ebenfalls dazu bereit, mit der GRU zusammenzuarbeiten. Der Anfang ihrer Arbeit fĂŒr die GRU bestand darin, dass sie gelegentlich Kopien von vertraulichen Unterlagen aus der Redaktion des Tageblattes ĂŒbergibt oder interne Informationen zusammenstellt, die sie von Theodor Wolff erfĂ€hrt. Nach der MachtĂŒbernahme durch die Nazis wurde Wolff aus dem Mosse-Verlag entlassen. Auch Ilse Stöbe verließ Berlin und ging nach Breslau, wo sie zeitweise fĂŒr die Breslauer Neusten Nachrichten arbeitet. Es war der Beginn ihrer journalistischen TĂ€tigkeit. Ihr Thema waren zunĂ€chst die Deutschen, die nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages als Minderheiten in vielen LĂ€ndern leben mussten.

Im Auftrag von Oskar Stigga, der hier ihr Kontaktmann zur GRU ist, unternahm sie in deren Auftrag vermutlich Kurierreisen in verschiedene europĂ€ische LĂ€nder. Ihre Arbeit als Korrespondentin, fĂŒr die sie große FĂ€higkeiten zeigte, wĂ€re dafĂŒr eine gute Tarnung. Mehrere ihrer Artikel wurden auch von der Neuen ZĂŒricher Zeitung (NZZ) abgedruckt.

Im November 1935 ließ sich Ilse Stöbe in Warschau nieder. Sie wollte sich eine eigene Existenz aufbauen. Rudolf Herrnstadt weilte ebenfalls dort, er war bereits 1931 das erste Mal vom Berliner Tageblatt als Korrespondent dorthin geschickt worden. So kannte er sich hier gut aus, traf sich mit wichtigen Leuten und hatte gute Beziehungen.

Ein offenes Zusammenleben zwischen Ilse Stöbe und Rudolf Herrnstadt kam aber nicht in Frage, er war jĂŒdischer Abstammung. WĂ€ren sie eine öffentliche Beziehung eingegangen, hĂ€tte sie nie fĂŒr eine deutsche Zeitung arbeiten dĂŒrfen, und auch eine RĂŒckkehr nach Deutschland wĂ€re unmöglich gewesen. ZunĂ€chst konnte sie hier in Warschau auf zwei Schweizer Zeitungen verweisen, die sie vertrat, die Neue ZĂŒricher Zeitung und die Thurgauer Zeitung.

(WĂ€hrend der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin lernte Ilse Stöbe den Schweizer Verleger Rudolf Huber kennen. Sie besuchte ihn in den folgen Jahren immer wieder in der Schweiz, es gab eine Zeit, da dachten die beiden darĂŒber nach, zu heiraten. Doch Rudolf Huber starb am 7. Januar 1940. Sein Tod traf sie tief und bewegte sie sehr.)

Es gelang ihr auch, Kontakt zu deutschen Zeitungen aufzunehmen, die ihre Artikel druckten, so zum Frankfurter Generalanzeiger. Im Laufe der Zeit wurde sie zunehmend als Journalistin wahrgenommen und gehörte bald zu den wenigen Auslandskorrespondentinnen deutscher Zeitungen.

FĂŒr die GRU arbeitete Ilse Stöbe seit dieser Zeit unter dem Decknamen „Alta“. Ihre Aufgabe war es, Kontakt zu Menschen zu knĂŒpfen, die fĂŒr die GRU von Interesse sein könnten. Zudem war sie Rudolf Herrnstadt dabei behilflich, eine Residentur der GRU in Warschau aufzubauen. Dabei hatte sie gelernt, als loyale deutsche StaatsbĂŒrgerin aufzutreten und ihre wahre IdentitĂ€t zu verheimlichen. Sie erklĂ€rt sich Anfang 1939 sogar dazu bereit, als Kulturreferentin fĂŒr die NS-Frauenschaft tĂ€tig zu werden.

In Warschau hielt Herrnstadt engen Kontakt zum deutschen Botschaftsrat Rudolf von Scheliha. Dieser schĂ€tzte die GesprĂ€che mit dem Journalisten, vertraute ihm und sprach auch offen mit ihm ĂŒber interne Angelegenheiten aus der Botschaft. Da Herrnstadt wusste, dass von Scheliha die Sowjetunion und den Kommunismus ablehnte, trat er ihm gegenĂŒber als Mittler des englischen Secret Service auf. So gelang es ihm, Rudolf von Scheliha dazu zu bewegen, geheime Informationen aus der deutschen Botschaft an ihn weiterzuleiten. Auf diesem Wege erfuhr die GRU auch vom geplanten Einmarsch deutscher Truppen am 1. September 1939 in Polen.

Die GRU war natĂŒrlich daran interessiert den Botschaftsrat von Scheliha auch kĂŒnftig als Informationsquelle zu nutzen. Darum erhielt Ilse Stöbe den Auftrag, nach Berlin zurĂŒckzukehren, um dort möglichst eine Stelle im AuswĂ€rtigen Amt zu finden. Sie sollte von dort aus den Kontakt mit Rudolf von Scheliha halten. So verließ sie am 25. August 1939 Warschau und traf nach Aufenthalten in der Schweiz und in Franzesbad Ende Oktober/Anfang November d.J. in Berlin ein. Am 27. November traf sie sich das erste Mal mit dem GRU-Mitarbeiter Nikolai Saitzew. Hier in Berlin trug Ilse Stöbe nun auch die Verantwortung fĂŒr drei weitere Leute, die bereit waren, mit der GRU zusammenzuarbeiten: Kurt und Margarita Welkisch und Gerhard Kegel.

Rudolf von Scheliha arbeitete seit dem 1. Januar 1940 in der Informationsabteilung des AuswÀrtigen Amtes. Ilse Stöbe, die inzwischen eine Wohnung gemietet hatte, konnte auf einem erworbenen KopiergerÀt Dokumente ablichten und nach Moskau weiterleiten. Im Mai 1940 fand Ilse Stöbe auch eine Anstellung als Pressebearbeiterin im Referat III der Informationsabteilung des AuswÀrtigen Amtes. Wichtige Informationen gelangten so in die HÀnde der GRU, so auch die vom bevorstehen Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion.

Erkrankungen, an denen Ilse Stöber schon frĂŒher litt, zwangen sie, zum 31. Dezember 1940 das ArbeitsverhĂ€ltnis mit dem AuswĂ€rtigen Amt zu lösen. Sie bedurfte medizinischer Hilfe. Ihr Ersuchen, nach Eger ĂŒberzusiedeln und als Journalistin weiterzuarbeiten, wurde aus Moskau abgelehnt. Ab dem 1. MĂ€rz 1941 arbeitete Ilse Stöbe bei den Lingnerwerken, einem pharmazeutischen Unternehmen in Dresden, wo sie eine Werbeabteilung leitete.

Am 7. Juni 1941 gab es ein letztes Treffen mit Saitzew, der nach Moskau zurĂŒckkehrte. Sie informierte ihn nochmal eindringlich, dass die vorliegenden Informationen besagten, dass nach dem 20. Juni mit einem Angriff auf die Sowjetunion zu rechnen sei. Die Nachfolge von Saitzew trat ein GRU-Mitarbeiter mit dem Decknamen „Tal“ an. Dieser sollte Ilse Stöbe das Cheffrieren von Nachrichten und den Umgang mit einem FunkgerĂ€t beibringen. Doch dazu kam es nicht mehr. Mit dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion brachen alle Verbindungen nach Moskau ab.

Mehrere Versuche der GRU, den Kontakt wieder herzustellen, misslangen. Im Februar oder MĂ€rz 1942 endete ihre Anstellung bei den Lingnerwerken. Es spricht einiges dafĂŒr, dass sie mit Hilfe Rudolf von Schelihas ab April 1942 noch einmal fĂŒr drei Monate eine Anstellung bei der Informationsabteilung im AuswĂ€rtigen Amt fand. Sonst hĂ€tte die Gefahr bestanden, dass man sie zu einer beliebigen Arbeit zwangsverpflichtet hĂ€tte.

Im Juli 1942 gelang es den deutschen Behörden einen Funkspruch zu dechiffrieren, in dem Namen, Adressen und Telefonnummern genannt wurden, darunter war der von Ilse Stöbe.

Am 12. September 1942 wurde sie zusammen mit Carl Helfrich in ihrer gemeinsamen Wohnung in der Ahornallee 48 in Westend festgenommen. Carl Helfrich, der kein Kommunist, aber ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus war, arbeitete ebenfalls im AuswĂ€rtigen Amt. Die Stelle hatte er vermutlich durch Mithilfe von Ilse Stöbe und Rudolf von Scheliha bekommen. Er unterstĂŒtzte sie bei ihrer illegalen Arbeit, sie befreundeten sich und kamen sich menschlich nĂ€her. Schließlich bezogen sie eine gemeinsame Wohnung.

Ilse Stöbe wurde vor Gericht gestellt und am 14. Dezember 1942 vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wurde am Abend des 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee vollstreckt.

Auch die anderen Angehörigen der Familie Stöbe ĂŒberlebten den 2. Weltkrieg nicht. Ihre Mutter Frieda Stöbe half, jĂŒdische Menschen zu verstecken. Im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen die Widerstandsgruppe „EuropĂ€ische Union“ wurden sie und ihr Sohn, Kurt MĂŒller, verhaftet. Frieda Stöbe wurde in das Konzentrationslager RavensbrĂŒck eingeliefert, wo sie am 19. Januar 1944 starb. Kurt MĂŒller wurde 1944 zum Tode verurteilt und am 26. Juni 1944 in der HinrichtungsstĂ€tte Brandenburg ermordet.

Zum Gedenken an die Familie wurde am 12. November 2015 vor ihrem Wohnhaus in der Frankfurter Allee 202 (heute Frankfurter Allee 233) eine Gedenktafel eingeweiht. Auf dem Foto sind Kurt MĂŒller, Frieda Stöbe und Ilse Stöbe zu sehen.

 

Foto: GedenkstĂ€tte Deutscher Widerstand, v.l.n.r. Kurt MĂŒller, Frieda Stöbe, Ilse Stöbe,

Quellen:

Hans Coppi, Sabine Kebir

Ilse Stöbe: Wieder im Amt. Eine WiderstandskĂ€mpferin in der Wilhelmstraße, VSA: Verlag Hamburg, 2015 (2. Auflage)

Wikipedia – die freie EnzyklopĂ€die ((Stand: 20.04.2016)

www.gedenktafeln-in-berlin.de

(Stand: 20.04.2016)

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