Heinrich Rudolf Zille

wohnte von 1873 bis 1892 in Berlin-Lichtenberg

Geboren am 10 Januar 1858 in Radeburg/Sachsen,
Gestorben am 9. August 1929 in Charlottenburg

Heinrich Rudolf Zille – Zeichner, Grafiker, Maler und Illustrator –
gehört zu den bekanntesten Berlinern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und den berühmtesten Persönlichkeiten, die auf dem Territorium des heutigen Bezirkes Lichtenberg gewohnt haben. Als „Berliner Original“ wird er in der Stadt mit zahlreichen Ehrungen gewürdigt.
Während seiner Lichtenberger Zeit entstand sein eher unbekanntes Frühwerk: Natur- und Landschaftsbilder, dörfliche Ansichten, aber auch schon Markt- und Kneipenszenen.

Heinrich Rudolf Zille wurde am 10. Januar 1858 in Radeburg bei Dresden geboren. Sein Vater Johann Traugott Zille arbeitete derzeit als gelernter Uhrmacher, seine Mutter Ernestine Louise, geborene Heinitz, war Tochter eines Bergmannes aus dem Erzgebirge. Die Familie Zille komplettierte Heinrichs vier Jahre ältere Schwester Fanny.

Der Vater erwarb 1861 ein Grundstück in Dresden und zog dann zum Ende des Jahres mit seiner Familie dorthin. Insgesamt fünf Adressen der Zilles lassen sich heute in Dresden nachweisen. Hier besuchte Heinrich von 1865–1867 die Volksschule.

Wahrscheinlich Anfang 1868 zog die Familie Zille nach Berlin und lebte dort unter äußerst ärmlichen Verhältnissen in einer Kellerwohnung nahe dem damaligen Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof). Da der Vater in Berlin zunächst keine Anstellung fand, versuchte die Mutter, die Familie mit Heimarbeit durchzubringen.

Daher musste Heinrich während seiner Berliner Schulzeit – er besuchte die Gemeindeschule in der nahen Krautstraße – zum Broterwerb der Familie mit beitragen. So arbeitete er als Gepäckträger, leistete Botendienste, trug Brot, Milch und Zeitungen aus, später – wegen seiner guten Ortskenntnisse – betätigte er sich auch als Fremdenführer. Gern suchte er das östlich von Berlin gelegene Stralau auf. In dieser Zeit lernte Heinrich erstmals das Berliner „Milljöh“ kennen – der kleine Sachse wurde zum Berliner.

Ab 1869, noch in seiner Schulzeit, nahm Heinrich in der nahe gelegenen Blumenstraße Zeichenunterricht bei Anton Spanner, einem privaten Zeichenlehrer, den er mit einem Teil seiner Einnahmen selbst finanzierte. Schon in dieser Zeit fand er sein zeichnerisches Vorbild: William Hogarth, ein sozialkritischer englischer Maler und Grafiker des 18. Jahrhunderts. Spanner erkannte schnell die Begabung des Jungen und förderte ihn entsprechend.

Anfang 1872 schloss Heinrich die Volksschule ab und begann anschließend, auf Drängen seines Vaters, eine Lehre bei einem Fleischermeister. Er konnte aber den grausamen Anblick von Tieren auf der Schlachtbank nicht ertragen. Spanner überzeugte schließlich Heinrichs Eltern davon, dass eine Ausbildung zum Lithografen das Beste für ihn sei. Zu Heinrich sagte er: „Das beste is, du lernst Lithographie, da sitzt du in der warmen Stube, mit Schlips und Kragen, schwitzt nicht, bekommst keine schmutzigen Hände und wirst mit Sie angeredet. Was willst du mehr?“ So trat Heinrich auf Vermittlung Spanners im April eine Lehrstelle in der Werkstatt des Steinzeichners Fritz Hecht in der Alten Jakobstraße an. Im gleichen Hause befand sich damals das berühmt-berüchtigte Ball-Lokal „Das Orpheum“, beste Voraussetzung für Heinrich, weiter sein „Milljöh“ zu studieren.

Im gleichen Jahr erwarb Familie Zille (aufgrund der Auszahlung eines Erbanteils an Heinrichs Mutter von ihrem 1870 verstorbenen Vater) vom Lichtenberger Gutsbesitzer Albert Roeder ein kleines Grundstück östlich von Berlin in der Colonie Lichtenberger Kiez am damaligen Grenzweg, offizielle Adresse: Lichtenberger Kiez 38 (seit 1889 Fischerstraße 8). In der damals noch ländlichen Gegend, auch als „Paradies für Geringverdienende“ bezeichnet, baute sie sich nun ein eigenes Haus, das sie 1873 bezog. Bis 1884 wohnte Heinrich dort bei seinen Eltern.

Erste Spaziergänge in seiner neuen Wohnumgebung führten Heinrich unter anderem wieder nach Stralau, sowie an den Rummelsburger See. Dabei inspirierten ihn intensive Naturbeobachtungen zu seinen ersten zeichnerischen Frühwerken. So entstanden Naturstudien, Landschaftszeichnungen und dörfliche Ansichten, wie Kirchen oder Ausflugsgaststätten.

In der Hechtschen Werkstatt zeichnete Heinrich nach Fotovorlagen und kolorierte Lithografien. Da ihn diese Arbeit nicht befriedigte, nahm er ab 1873 nach Feierabend Studien bei dem Maler, Illustrator und Karikaturisten Professor Theodor Hosemann an der Königlichen Kunstschule auf, die er bis 1874/75 zweimal in der Woche besuchte. Gleichzeitig lernte er, auch an zwei Tagen pro Woche, in der Aktzeichenklasse von Professor Domschke.

In Hosemanns Wohnung in der Luisenstraße am Neuen Tor kopierte Heinrich Zille ebenfalls „monatelang“ Lithografien. Hosemann, ein humorvoller und präziser künstlerischer Beobachter des Altberliner Kleinbürgers und Spießers, gab seinem Schüler folgenden Rat mit auf den Weg: „Gehen Sie lieber auf die Straße hinaus, ins Freie, beobachten Sie selber, das ist besser, als wenn Sie mich kopieren.“ Diese Empfehlung sollte nun, spätestens aber an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, zum Leitmotiv für das künstlerische Wirken Zilles bis an sein Lebensende werden.

1875 vollendete Zille seine erste Zeichnung von „Lichtenberg Kietz“ (Blick von seinem Elternhaus über die Wiesen zur heutigen Lückstraße). Nach Abschluss seiner Lehre im April arbeitete Zille zunächst als Geselle in verschiedenen Betrieben und lithografischen Werkstätten. Als Musterzeichner zeichnete er detailliert Entwürfe für Damenmoden, Muster für Beleuchtungskörper, Porträts von Arbeitskollegen, aber auch Kitsch- und Werbemotive. Später erlernte er in der Lithografieanstalt „Winckelmann & Söhne“ die unterschiedlichsten grafischen Techniken wie Herstellung von Klischees, Buntdruck, Zinkografie, Retusche, Ätzradierung, sowie Lichtdruck und Fotogravur.

Zu Pfingsten 1877 unternahm Zille seine erste größere selbständige Reise. Eine Eisenbahnfahrt führte ihn über Dresden in die Nähe von Zittau zu Verwandten. Für ihn waren das „ die sonnigsten Tage der Jugendzeit“.

Am 1. Oktober 1877 bekam Heinrich Zille dank seiner fachlichen Vorkenntnisse eine Anstellung als Geselle bei der seit 1862 in Berlin ansässigen „Photographischen Gesellschaft Berlin“ in der Krausenstraße 36, am damaligen Dönhoffplatz, ganz in der Nähe der heutigen Spittelkolonnaden. Bis 1907 arbeitete er hier als Reproduktionstechniker, unterbrochen nur durch den Militärdienst. In seiner Tätigkeit lernte er modernste Reproduktions- und Drucktechniken kennen, die er anwendete und weiter entwickelte. Auch in seiner Freizeit war Zille künstlerisch aktiv, Ende der 1870er Jahre schuf er die ersten sozialkritischen Zeichnungen und Grafiken.

Von 1880 bis 1882 leistete Zille seinen Militärdienst als Grenadier beim Leib-Grenadier-Regiment – erstes Brandenburgisches Nr. 8 – in Frankfurt (Oder). Später war er als Wachsoldat im Zuchthaus Sonnenburg (heute Słońsk) stationiert. In dieser Zeit zeichnete Zille zahlreiche Soldatenbilder, fertigte Skizzenbücher, aber auch Geländeskizzen für seine Vorgesetzten, die sich so seine künstlerischen Fähigkeiten zunutze machten. Weiterhin schuf er auch Antikriegsbilder und beschäftigte sich mit Literatur, zum Beispiel mit Werken Theodor Fontanes. Zahlreiche Spekulationen zirkulierten während seiner Militärdienstzeit über Stand und Herkunft Zilles, so der Ausspruch eines Unteroffiziers: „…dieser Zille…, das soll ein Graf sein, …ein Litho-Graf.“

Noch im Jahre 1882 lernte Heinrich Zille seine spätere, fast acht Jahre jüngere Frau Hulda Frieske kennen. Die Cousine der Frau seines Arbeitskollegen Martin Langner war die Tochter eines Nadlermeisters aus Fürstenwalde. Am 15. Dezember 1883 fand die Hochzeitsfeier mit Hulda Frieske in der elterlichen Wohnung in Fürstenwalde, Schlossstraße 26, statt.

Anfang 1884 – das erste Kind des jungen Paares war bereits unterwegs – gründete Zille seinen ersten eigenen Hausstand am damaligen Kietzer Dorfweg, offizielle Adresse: Lichtenberger Kiez 13 (seit 1889 Neue Prinz-Albert-Straße 31, seit 1907 Lückstraße 31). Die junge Familie Zille – Tochter Margarete wurde hier am 4. Oktober 1884 geboren – lebte nun in einer Mietwohnung im Souterrain des Hauses.

In den Jahren 1886 und 1887 rief erneut das Militär nach Heinrich Zille. So wurde er zur Ableistung eines Reservistendienstes als Landsturmmann in Angermünde einberufen, ein Jahr später erhielt er den Befehl zur Teilnahme an einem Militärmanöver.

Im Jahre 1887 soll auch sein erstes bekanntes „Zille-Bild“ in die Öffentlichkeit gelangt sein. Es zeigte das Porträt des künftigen deutschen Kaisers Wilhelm II. auf Schuhcremedosen, natürlich mit zünftigem Bart, ganz dem Wunsch eines Gaststättenbesitzers in der Köpenicker Straße 39a entsprechend. Es ist jedoch nicht 100%ig belegt, ob das Bild tatsächlich von Zille stammt.

Mit der Souterrain-Wohnung war Zille schon bald nicht mehr zufrieden, er betrachtete sie nur als „Übergangslösung“. Nach kurzer Suche zog die Familie in eine „richtige Wohnung“ in der heutigen Victoriastadt, damals Zentrum der beiden Kämmereidörfer Boxhagen und Rummelsburg. Hier, in der damaligen Schillerstraße 29 (seit 1938 Pfarrstraße 134), erblickte am 26. Februar 1888 Sohn Hans das Licht der Welt.

Auch diese Wohnung wurde nur wenig später für die nun vierköpfige Familie Zille „zu eng“, so dass der nächste Umzug – diesmal innerhalb des Kiezes – bevorstand. Im Jahre 1889 zog sie in eine nahe gelegene Wohnung in der damaligen Prinz-Albert-Straße 4a/5 (seit 1947 Nöldnerstraße 4). Aus dieser Wohnung heraus zeichnete Heinrich Zille sein Bild „Blick auf die Ostbahn bei Rummelsburg…“ (1889).

Am 4. Mai 1890 erfolgte, quasi vor der Haustür der Zilleschen Wohnung, die Grundsteinlegung der Erlöserkirche in Anwesenheit von Kaiserin Auguste Viktoria, der Gattin Wilhelms II., im Volksmund auch „Kirchen-Juste“ genannt. In dieser Wohnung kam am 9. Januar 1891 Sohn Walter zur Welt.

Wahrscheinlich wegen ständiger Bauarbeiten im Hause – der erneute Wohnungswechsel kann nicht mehr genau nachvollzogen werden – zog die Familie 1891 in die damalige Mozartstraße 1 (seit 1938 Geusenstraße 16), gelegen am Victoriaplatz, dem größten Platz in der näheren Umgebung. In dieser Wohnung sollte Familie Zille ebenfalls nicht lange bleiben. Denn 1892 zog sein Arbeitgeber, die Photographische Gesellschaft, vom Dönhoffplatz in die Ahornallee (nahe dem heutigen Kaiserdamm) im neuen Villenviertel des Charlottenburger Stadtteils Westend. Das bedeutete für Heinrich Zille einen unzumutbar langen Weg zu seinem Arbeitsplatz. So blieb ihm nichts anderes übrig, als seinem Arbeitgeber hinterher zu ziehen, denn er wollte unbedingt weiter in der Photographischen Gesellschaft arbeiten.

Schließlich fand er in Charlottenburg bei Berlin, in der Sophie-Charlotten-Straße 88, eine Wohnung im vierten Stock, die seine Familie am 1. September 1892 bezog. Dazu schrieb Zille in seiner 1929 von Hans Ostwald heraus gegebenen Biografie: „Meine erste eigene Wohnung war im Osten Berlins im Keller, nun sitze ich schon im Berliner Westen, vier Treppen hoch, bin also auch gestiegen.“ So erlebte er auch die Einweihung der Erlöserkirche in Rummelsburg am 21. Oktober 1892 nicht mehr direkt.

Im Jahre 1907 traf Heinrich Zille ein schwerer Schicksalsschlag: Nach 30jähriger Tätigkeit in der Photographischen Gesellschaft wurde er von seinem Arbeitgeber entlassen. Er sei zu alt und müsse Jüngeren Platz machen, sagte man ihm. Möglicherweise war aber auch seine sozialkritische politische Einstellung ein Entlassungsgrund.

Um weiterhin den Lebensunterhalt für seine Familie sichern zu können, machte Heinrich Zille aus der Not eine Tugend: Jetzt hatte er die Möglichkeit, sich in seinem weiteren Wirken als freischaffender Künstler voll und ganz seinem „Milljöh“ zu widmen, dem Alltag und Leben der kleinen Leute. Es entstand nun das Werk, mit dem Zille bei den meisten Menschen – aus heutiger Sicht – bekannt und beliebt wurde. Von vielen wurde er liebevoll „Pinselheinrich“ genannt.

Weitere private Schicksalsschläge ereilten Zille nur wenig später: 1908 starb seine Mutter, 1909 sein Vater. Sein künstlerisches Schaffen jedoch war ungebrochen, auch als Mitglied der Berliner Secession, der er 1903 beigetreten war.

Am 9. Juni 1919 starb Zilles Ehefrau Hulda im Alter von nur 54 Jahren. Zilles eigene Gesundheit verschlechterte sich im weiteren Verlauf, er litt zunehmend an Gicht und Diabetes. Nach zwei Schlaganfällen im Februar und Mai 1929 verstarb Heinrich Zille am 9. August des gleichen Jahres früh um 6:00 Uhr in seiner Charlottenburger Wohnung.

2000 Trauernde kamen am 13. August zum Südwestkirchhof Stahnsdorf, auf dem Heinrich Zille in einem Berliner Ehrenbegräbnis beigesetzt wurde. Er wurde 80. Ehrenbürger von Berlin.

(Hartmut Gering, Kulturring in Berlin e.V., 2016)

 

Foto:

Hartmut Gering, Kulturring in Berlin e.V., 2016

 

Quellen:

Günter Möschner: Auf den Spuren Heinrich Zilles in Lichtenberg (2006), Herausgeber: Museum Lichtenberg im Stadthaus, Bezirksamt Lichtenberg von Berlin

Hans Ostwald/ Heinrich Zille – das Zillebuch (1929), Herausgeber: Hans Ostwald

Hartmut Gering: Tipp Heinrich Zille zum GaleriefrĂĽhstĂĽck am 24.03.2010

Hartmut Gering: Vortrag ĂĽber Heinrich Zille zum GaleriefrĂĽhstĂĽck am 24.03.2010

Wikipedia – die freie Enzyklopädie (Stand: 20.04.2016)

http://www.radundtouren.de/index.php?id=215531

http://www.gedenktafeln-in-berlin.de/nc/gedenktafeln/gedenktafel-anzeige/tid/heinrich-zille/

(Stand: 20.04.2016)