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Person des Monats Dezember

Gertrud Kolmar - J√ľdische Schriftstellerin, musste von 1941 bis Dezember 1942 in der Kartonagenfabrik Epeco in Berlin-Lichtenberg, in der Herzbergstra√üe 127 Zwangsarbeit leisten

 

 

Geboren am 10. Dezember 1894 in Berlin unter dem Namen Gertrud K√§the Chodziesner, leitet sich der Familienname Chodziesner von der Stadt Chodziez, n√∂rdlich von Poznan ab, woher die Familie stammt. Der Ort ist auch unter dem deutschen Namen Kolmar bekannt. Von ihm entlehnt die Schriftstellerin ihr Pseudonym. Ihr Vater Ludwig Chodziesner ist ein erfolgreicher Anwalt und Notar. In Berlin macht er sich als erfolgreicher Strafverteidiger durch einige spektakul√§re F√§lle einen Namen. Er entstammt einer j√ľdischen Familie, bezeichnet sich selbst aber als ‚ÄěReformjude‚Äú oder assimilierter ‚ÄěFeiertagsjude‚Äú, der nur an hohen Feiertagen in die Synagoge ging. Bei der Heirat ist die Mutter Elise Chodziesner, geb. Sch√∂nflies, 21 Jahre alt. Als eines von vier Kindern wird Getrud Kolmar im Berliner Nicolaiviertel geboren. Die Kindheit verbringt sie in einer Villa in Westend. Ihrer Schulzeit an der H√∂heren M√§dchenschule in Charlottenburg folgt 1911 eine Ausbildung f√ľr ‚ÄěT√∂chter h√∂heren Standes‚Äú in der Landfrauenschule in Elbisbach auf dem Arvedshof in Sachsen. Von einschneidender Bedeutung f√ľr ihr Leben ist die Verbindung mit dem jungen Offizier Karl Jodl. Ein in der Verlobungszeit gezeugtes Kind wird abgetrieben, die Beziehung endet. Das ‚Äěverhinderte Kind‚Äú bleibt √ľber Jahre hinweg ein Thema in Gertrud Kolmars lyrischem Werk (Dieter K√ľhn). Nach dem Besuch des Seminars f√ľr Sprachlehrerinnen besitzt sie die Lehrbef√§higung, an mittleren und h√∂heren T√∂chterschulen sowie an Lyzeen Franz√∂sisch und Englisch zu lehren. Doch lehrt sie zun√§chst nicht, sondern arbeitet 1917/18 im Gefangenenlager D√∂beritz als Dolmetscherin. 1917 erscheint ihr erstes Buch unter dem einfachen Namen ‚ÄěGedichte‚Äú - bereits unter ihrem Pseudonym Gertrud Kolmar. Nach dem Verlust ihres Verm√∂gens durch den Kauf von Kriegsanleihen ist die Familie am Kriegsende gezwungen ihr Haus aufzugeben. Nach einer Adresse am K√ľrf√ľrstendamm 43 bezieht sie 1923 eine Villa au√üerhalb Berlins, in Neu-Finkenkrug. Gertrud Kolmar arbeitet als Erzieherin und Hauslehrerin und h√§lt sich f√ľr l√§ngere Zeit in Frankreich auf. In dieser Zeit entsteht eine ganze Reihe von Gedichten.m Nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1930 bleibt Gertrud Kolmar beim Vater in Finkenkrug und arbeitet als seine Sekret√§rin. Daneben findet sie aber auch die Ruhe, sich ihrer literarischen Arbeit zu widmen. Zwischen August 1930 und Februar 1931 entsteht der Roman ‚ÄěDie j√ľdische Mutter‚Äú. Er erscheint erst fast vier Jahrzehnte sp√§ter. Nach dem 30. Januar 1933 beginnt auch f√ľr Gertrud Kolmar und ihren Vater eine Zeit der Erniedrigung. Zwar wird Ludwig Chodziesners Zulassung ‚Äěerst‚Äú im Juli 1936 gel√∂scht, weil bis dahin eine Ausnahmereglung f√ľr ‚ÄěAltanw√§lte‚Äú gilt, aber als Hauslehrerin gibt es f√ľr seine Tochter keine Anstellungsm√∂glichkeiten mehr. W√§hrend die Familienmitglieder aus Deutschland auswanderten und sich von der Schweiz, England, Australien und S√ľdamerika √ľber den Globus verteilten, bleiben Vater und Tochter in Finkenkrug. Getrud Kolmar ist in dieser Zeit literarisch sehr produktiv. Es entsteht der Gedichtzyklus ‚ÄěDas Wort der Stummen‚Äú, in dem Anklage gegen das NS-Regime erhoben wird. Er erscheint, wie die meisten ihrer Werke, postum, so u.a. 1978 als Lizenzausgabe f√ľr die DDR in Berlin. Schon 1934 erscheint in der Rabenpresse von Victor Otto Stomps der Gedichtband ‚ÄěPreu√üische Wappen‚Äú. 1938 entsteht das Theaterst√ľck ‚ÄěNacht‚Äú. Die Urauff√ľhrung erlebt es erst nach 62 Jahren im Februar 2000 im Kleinen Haus des D√ľsseldorfer Schauspielhauses. Ein dritter Gedichtband- ‚ÄěDie Frau und die Tiere‚Äú erschint 1938 unter ihrem Geburtsnamen Gertud Chodziesner, da eine Verordnung ab 1936 Juden in Deutschland das F√ľhren eines K√ľnstlernamens (Pseudonyms) verbietet. Es ist die letzte Publikation ihrer Werke zu Lebzeiten. Infolge der herrschenden NS-Politik wird ihr Buch erst verramscht (f√ľr wenig Geld verkauft) und zuletzt eingestampft. Gertrud Kolmar beginnt, Typoskripte ihrer ‚Äěgesammelten Werke‚Äú an ihre Schwester Hilde in die Schweiz zu schicken. Auch Hildes Ehemann Peter Wenzel, der kein Jude ist und bis 1938 einen Buchladen besitzt, sammelte die Gedichte von Gertrud Kolmar, um sie zu bewahren und √ľber die Nazizeit zu retten. Im November 1938 wird Ludwig Chodziesner gezwungen, sein Haus in Finkenkrug zu verkaufen. Vater und Tochter ziehen wieder nach Berlin, ihr Wohnsitz wird die Speyer Stra√üe 10 - ein sogenanntes ‚ÄěJudenhaus‚Äú. Ab dem Sommer 1941 ist Gertrud Kolmar zu Zwangsarbeit verpflichtet. Als Arbeitsort wird ihr die Kartonagenfabrik Epeco in Berlin-Lichtenberg, in der Herzbergstra√üe 127, zugewiesen. Ihren Briefen ist zu entnehmen, dass in dieser Zeit der inzwischen 47J√§hrigen die emotionale Bindung zu einem Mann ein wenig Hoffnung gibt. Der erst 21 J√§hriger ehemalige Student ist wie sie Zwangsarbeiter in Lichtenberg. Aus ihren Briefen ist der Namen des jungen Mannes nicht zu erfahren ‚Äď wahrscheinlich aus Angst vor der Zensur. Nach l√§ngerer Pause beginnt sie auch wieder zu schreiben, Prosa, keine Gedichte. Doch wie weitere Erz√§hlungen, die sie sp√§ter schreibt, sind diese verschwunden. Im Oktober 1942 wird Ludwig Chodziesner nach Theresienstadt deportiert. Zuvor ist das gesamte noch vorhandene Verm√∂gen der Familie eingezogen worden. √úber sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Auch Gertrud Kolmar muss jederzeit mit ihrer Deportation rechnen. Von ihrer 1942 in Charlottenburg zugewiesen Arbeitsstelle wird sie am 27. Februar 1943 im Zuge der ‚ÄěFabrik-Aktion‚Äú verhaftet. Mit dem 32. Osttransport muss sie am 2. M√§rz 1943 vom G√ľterbahnhof Moabit die Reise in den Tod nach Auschwitz antreten. Ihr weiteres Schicksal ist unklar, ein genaues Todesdatum nicht bekannt. Das Amtsgericht Sch√∂neberg stellt in einer Todeserkl√§rung aus dem Jahr 1951 den 2. M√§rz 1943 als Todesdatum fest. Gertrud Kolmars Werk wird erst nach ihrem Tod bekannt. 1956 erh√§lt sie postum den Deutschen Kritikerpreis. In Berlin Mitte und in Falkensee-Finkenkrug sind jeweils eine Stra√üe nach ihr benannt. 2007 werden in Falkensee f√ľr sie und f√ľr ihren Vater Stolpersteine verlegt. Das Museum in Falkensee widmet sich in einer Dauerausstellung dem Leben und dem Werk von Gertrud Kolmar.

Das Museum Lichtenberg ehrte im Jahr 2015 die Schriftstellerin mit einer Sonderausstellung ‚ÄěDIE FRAU UND DIE MASCHINE ‚Äď Gertrud Kolmar als Zwangsarbeiterin in Lichtenberg‚Äú

 

 

 

Quellen:

¬†Dieter K√ľhn: Gertrud Kolmar-Leben und Werk, Zeit und Tod; Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2008

Archivmaterial aus dem Museum Lichtenberg zur Ausstellung; ‚ÄěDIE FRAU UND DIE MASCHINE ‚Äď Gertrud Kolmar als Zwangsarbeiterin in Lichtenberg‚Äú

http://www.museum-galerie-falkensee.de/gertrud-kolmar/biographie.html

Wikipedia zu Gertrud Kolmar; Stand 15.11.2019

 

 

Bildnachweis: Deutsches Literaturarchiv Marbach; Porträt Gertrud Kolmar 1928