Unser Newsletter informiert regelmäßig über Veranstaltungen und Ausstellungen im Museum Lichtenberg. Tragen Sie sich → hier ein.

 

Bevor der Neubau zur „Platte“ wurde

Geschichte der Wohngebiete Fennpfuhl, Frankfurter Allee und Sewanstraße - Am Tierpark

Das heutige Lichtenberg ist ohne die Entstehung neuer Stadtquartiere und diese sind ohne moderne Bautechnologien nicht zu denken. Das trifft bereits für die Anfänge des 20. Jahrhunderts zu, als Industrieansiedlungen den Wohnungsbau beförderten. So ließ der Berliner Stadtbaurat und Architekt Martin Wagner 1926/27 in Friedrichsfelde die ersten in Plattenbauweise errichteten Häuser errichten. Auch andere namhafte Architekten bauten Quartiere, in denen die Arbeiterschaft und andere Bewohner menschenwürdigeren Wohnraum beziehen konnten, als das in den Innenstadtbezirken der Fall war. Nach den Zerstörungen des 2. Weltkrieges hatte der Bau neuer Wohnungen erneut Priorität. Die Innenstadt bot trotz Instandsetzungen und Lückenbebauung in Menge und Qualität ungenügenden Platz. Der Bedarf musste darum erneut außerhalb der bisher erschlossenen städtischen Quartiere gedeckt werden.

Fennpfuhl

Lichtenberg kam dabei eine gewisse Vorreiterrolle zu. 1956 schrieb der Rat des Stadtbezirkes einen gesamtdeutschen städtebaulichen Wettbewerb aus, dessen Ziel die Bebauung des Gebietes am Fenn- und Langpfuhl war. Da er nicht dem Konzept des „sozialistischen Städtebaus“ entsprach, wurde der Siegerentwurf des Hamburger Architekten Hans May von der DDR-Regierung abgelehnt. Erst 1962 wurde mit der Ausstellung „Neues Leben – Neues Wohnen“ in der Erich-Kuttner-Str. 9 – 16 der Grundstein für die großflächige Bebauung nicht nur des Fennpfuhl-Gebietes gelegt. Auf Grundlage des von Wilfried Stallknecht, Achim Felz und Herbert Kuschy entwickelten Versuchsbaus „P-2 Fennpfuhl“ und dem daraus abgeleiteten Typenbau WBS 70 wurden DDR-weit über 1 Million Wohnungen errichtet. 1972 legte der Ost-Berliner Oberbürgermeister Herbert Fechner den Grundstein für die heutige Großsiedlung. Ziel waren 16.000 Wohnungen für 50.000 Bewohner. Unter der Leitung von Lothar Köhler und Dieter Rühle entstand in wenigen Jahren das erste geschlossene Wohngebiet der DDR in Komplexbauweise. Es verfügte über Bildungs- und Versorgungseinrichtungen einschließlich eines Warenhauses. 1984 wurde das evangelische Gemeindezentrum eingeweiht. 1986 bildeten am historischen Ort Wolf-Rüdiger Eisentrauts neue Seeterrassen den Abschluss.

Frankfurter Allee

Ebenfalls in den Fünfzigerjahren wurden Pläne entwickelt, die damalige Stalinallee mit neuen Häusern bis nach Friedrichsfelde zu verlängern. In Plänen von Heinz Mehlan, Thorleif Neuer und Erwin Kussat wird der Anspruch deutlich, eine geschlossene Infrastruktur mit Wohn-, Versorgungs- und Bildungseinrichtungen zu entwickeln. Die in der Stalinallee verfolgte Bauweise war darin durch die in Entwicklung begriffene Plattenbauweise ersetzt. Auf dem nur locker bebauten Gebiet südlich der Frankfurter Allee mussten Kleingärten, Gewerbebetriebe und auch ein Haus der St.-Mauritius-Kirchegemeinde den Neubauten weichen. Ab 1969 entstanden dort Wohnungen für ca. 16.000 Bewohner. Eine offizielle Grundsteinlegung ist nicht bekannt, jedoch gilt das Jahr 1973 als Gründungsdatum. Heute nimmt das Viertel für sich in Anspruch, das erste große innerstädtische Neubaugebiet Ost-Berlins zu sein.

Sewanstraße – Am Tierpark

Noch ehe anderswo in Lichtenberg großflächig mit dem Bau begonnen wurde, waren in Friedrichsfelde Süd 85 ha Kleingartenanlagen geräumt worden, um mit fünfgeschossigen Häusern bebaut zu werden. Baubeginn des nach dem ersten DDR-Finanzminister benannten „Hans-Loch-Viertels“ war 1961. Den Entwurf lieferte der VEB Berlin-Projekt unter Leitung von Werner Dutschke, Gerd-Heinz Brüning und Leopold Weil. Für ihr Projekt ging auch die erste Taktstraße für industrielle Wohnungsbauelemente in Betrieb. Noch vor dem Beschluss des „Komplexen Wohnungsbauprogramms“ entstanden bis 1970 ca. 5.800 Wohnungen für 15.000 Einwohner. Damit war es das bis dahin größte Neubaugebiet in Ost-Berlin. Zwischen 1985/86 folgten 2.500 weitere Wohnungen sowie Schulen, medizinische und Handelseinrichtungen. Wohngebiets-Zentrum waren die „Passagen“. Die großzügige Begrünung des Gebietes am Kraatz- und Tränkegraben wurde vorwiegend in freiwilliger Arbeit der Bewohner angelegt. Ein geschlossener Plan dafür bestand nicht.

In zwei weiteren Bauphasen entstand von 1968 bis 1982 das Wohngebiet Am Tierpark. Zwischen der Rummelsburger Straße und dem Tierpark wohnten nach Fertigstellung, wie auch noch heute, annähernd 40.000 Menschen in 13.500 Neubauwohnungen.

Zugunsten dieser und anderer Großprojekte verfielen große Teile der Altbausubstanz oder wurden erst im Nachgang bzw. gar nicht saniert. Nichtsdestotrotz war für viele in beengten und unmodernen Wohnungen Lebende der „Neubau“ ein begehrtes Ziel, das in Lichtenberg für Zehntausende Wirklichkeit wurde. Neubaugebiete wie diese waren zudem die ersten Schritte in Richtung der Errichtung von Großsiedlungen wie in Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf. Heute sind die ehemaligen und inzwischen sanierten Neubauquartiere begehrte Wohnlagen.