1943 ermordeten die Nationalsozialisten viele aktive Gegner ihrer Ideologie, nach denen unter anderem auch in Lichtenberg Straßen und Plätze benannt sind. Wir erinnern in den folgenden Monaten mit Kurzbiografien an diese Antifaschist*innen.
8. März 1881 - 22. Juli 1943
Der spätere Verordnete des Preußischen Landtages wurde am 8. März 1881 in Berlin geboren. Er wuchs seit seinem achten Lebensjahr als Waise auf, und seine Herkunft aus den nicht bevorzugten Schichten der Gesellschaft öffnete ihm zunächst nur die Perspektive eines Arbeiters in der Lederindustrie. Im Jahr des anbrechenden 20. Jahrhunderts befand er sich als Militärangehöriger in China und nahm an der Niederschlagung des so genannten „Boxeraufstandes“ teil.
Nach seiner Rückkehr trat er als Beamter in den Dienst der Post und war bereits nach fünf Jahren Vorstandsmitglied des Verbandes der Postbeamten. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Soldat teil. Die Erfahrungen als Militärangehöriger bewirkten bei ihm eine pazifistische Grundhaltung, in der er sich an der ersten Friedensnobelpreisträgerin, Berta von Suttner, orientierte. Als aktiver Kriegsgegner trat er 1918 der USPD bei und war 1918/19 Mitglied des Beamten- und Arbeiterrates des Berliner Postamtes C1. Wegen dieser politischen Betätigung geriet er 1920 in Haft, erhielt jedoch im gleichen Jahr ein Mandat der Bezirksverordnetenversammlung des neu gegründeten Bezirkes Prenzlauer Berg. 1922 trat er der SPD bei und war für sie von 1924 bis 1932 Mitglied im Preußischen Abgeordnetenhaus. Seine in den Sitzungsprotokollen nachzulesenden Redebeiträge zeichnen sich durch eine sachliche und von Polemik freie Grundhaltung aus, eine selten anzutreffende Eigenschaft bei den sich in diesen Jahren stark polarisierenden politischen Auseinandersetzungen. Dabei verhehlte er seine pazifistische Haltung nicht, benannte die „Rechte“ als Gegner friedlicher Lösungen, so beim Einsatz der Polizei gegen linke Proteste und bekannte sich zu seiner proletarischen Herkunft. Zugleich war er in verschiedenen Verbänden der Postbeamten aktiv.
1933 traf auch ihn der „Runderlass zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ und er wurde aus der „Deutschen Reichspost“ entlassen. Politisch blieb er aktiv und verbreitete u.a. verbotene politische Schriften. Das hatte 1934 seine Gefangennahme und dreimonatige Haft zur Folge, in der er, wie viele NS-Gegner, Misshandlungen ausgesetzt war. Nach seiner Entlassung arbeitete er als Versicherungsvertreter.
Die Denunziation eines Gastwirtes führte 1943 zu seiner erneuten Verhaftung. In einem auf einer Schreibmaschine verfassten Brief riet er dem Adressaten davon ab, dass er seinen Sohn als Offizier in den Krieg schickte. Seine pazifistische Haltung verband er mit Vorstellungen über die Ungerechtigkeit des Krieges und der Zuversicht, dass der Krieg nicht gewonnen werden könne, weil seine Gegner stärker seien. Der Gastwirt händigte den Brief der Geheimen Staatspolizei aus, die ihn Eduard Zachert zuordnen konnten. Er wurde am 30. April 1943 vom so genannten „Volksgerichtshof“ wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt und am 22. Juli 1943 in Plötzensee ermordet.
In Friedrichsfelde ist seit 1951 eine Straße nach Eduard Zachert benannt, ebenso ein an der Straße gelegener Sportplatz, mit dem an den aktiven Sportler Eduard Zachert erinnert wird. Vor seinem ehemaligen Wohnhaus in der Mendelsohnstraße in Prenzlauer Berg erinnert ein Stolperstein an ihn. Anlässlich des 50. Jahrestages seiner Hinrichtung ließ die damalige Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses, Hanna Renate Laurin (CDU), ein Kranzgebinde an der Lichtenberger Gedenktafel am Zachert Sportplatz für das SPD-Mitglied niederlegen.
Auszug aus dem Brief Eduard Zachets vom 16.10.1942:
„Aber die bewußt diesen Krieg und die vielen Grausamkeiten, wie auch die Brechung des Völkerrechts begangen haben, die werden zur Sühne und zur Verantwortung nach Beweis verurteilt. Und da gehört ja erfreulicherweise die große Mehrheit des deutschen Volkes nicht dazu und vermutlich, soweit ich Sie kenne, auch Sie, lieber Herr K., nicht. Sollten Sie aber doch für diesen Krieg u.s.w. sein, dann würde ich und viele Ihrer Gäste, vermutlich die meisten, Ihr Lokal nicht mehr betreten. Der Zweck dieses Briefes soll nun hauptsächlich sein, Sie zu warnen, dass Sie auch nicht indirekt ein Mitschuldiger dieses Krieges werden.
[Textquelle: stolpersteine-berlin.de]
[Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand]